„Wir wollen, dass das Blutvergießen aufhört“

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„Frieden ohne Blut“: Diana (l.) und Laura Polida nehmen in Kolumbiens Hauptstadt Bogotá an einer Kundgebung teil. © käufer

Krawalle in Chile, Proteste in Bolivien, Exodus aus Venezuela – der Kontinent kommt nicht zur Ruhe. Die Frustration über Korruption, soziale Ungerechtigkeit und wirtschaftliche Härten entlädt sich auf der Straße – am heftigsten derzeit in Kolumbien.

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Für ein „Kolumbien ohne Blut“ haben Diana (38) und Laura Polida (32) auf die golden-blau-rote Fahne geschrieben. Es ist Mitternacht, das Kerzenlicht verleiht der leicht transparenten Flagge ein würdevolles Aussehen. „Wir wollen Frieden für unsere Kinder“, erklären die Rechtsanwältin und die Grafik-Designerin ihre Motivation für die Teilnahme an den Protesten in dem südamerikanischen Land. Sie sitzen im „Park der Hippies“ im Herzen von Bogotá auf dem Asphalt. Um sie herum jubeln, tanzen und feiern die Menschen sich selbst. Und vor allem ihre Entschlossenheit, die großen Probleme des Landes endlich anzupacken.

Milliardengeschäft Kokain

Seit ein paar Tagen ist Kolumbien in Aufruhr. Den Auftakt machte ein Generalstreik, der sich zunächst gegen einige sozialpolitische Projekte des 15 Monate nach Amtsantritt in der Krise steckenden konservativen Präsidenten Ivan Duque richtet. Doch inzwischen geht es um mehr, jetzt geht es um die großen gesellschaftlichen Fragen: „Wir wollen eine gerechtere Bezahlung für die ärmeren Bevölkerungsschichten, wir wollen, dass das Blutvergießen aufhört“, sagen Laura und Diana.

Zuletzt starb am Dienstag ein 18-jähriger Schüler an den Folgen einer Kopfverletzung, teilte das Krankenhaus San Ignacio in der Hauptstadt Bogotá mit. Der junge Mann war bei einer Demonstration am Samstag offensichtlich von einem von der Polizei abgefeuerten Gummigeschoss am Kopf getroffen worden. Cruz hätte Medienberichten zufolge am Montag sein Abiturzeugnis erhalten sollen. Demonstranten hatten zuletzt immer wieder das harte Vorgehen der Polizei kritisiert und den Beamten unverhältnismäßige Gewaltanwendung vorgeworfen.

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Die treibende Kraft, die hinter der Gewalt und den sozialen Problemen in Kolumbien steht, ist das illegale Milliardengeschäft Kokain. Seit der Unterzeichnung des Friedensvertrages zwischen der ehemaligen linksgerichteten Guerilla-Organisation FARC und der damaligen Regierung von Präsident und Friedensnobelpreisträger Juan Manuel Santos im Jahr 2016 ist die Kokain-Produktion in Kolumbien gestiegen.

Tatsache ist: Allein in Deutschland stellten die Drogenfahnder in diesem Jahr so viel Kokain wie nie zuvor fest. Die Kokainschwemme kommt vor allem aus Kolumbien. Auch deshalb ist für den Rest der Welt entscheidend was in Kolumbien gerade passiert.

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Das Land leidet unter einer unheimlichen Serie von Morden an sozialen Aktivisten, indigenen Politikern und Menschenrechtlern. Fast alle Opfer haben eines gemeinsam: Sie stammen aus dem ländlichen Kolumbien. Dort, wo rechte Paramilitärs, linke Guerilla-Gruppen und seit kurzem auch verstärkt mexikanische Drogenkartelle um ihren Anteil am riesigen Kokain-Kuchen kämpfen. Die US-Drogenfahndung schätzt, dass allein im Jahr 2016 Kokain aus Kolumbien im Straßenverkaufswert von rund 90 Milliarden Dollar den Weg in die Vereinigten Staaten fanden. Und um dieses Geld geht es bei der Gewalt in Kolumbien.

Massaker an der Bevölkerung

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Die kolumbianische Provinz Cauca ist von großer geostrategischer Bedeutung für den Kokainhandel. Wer die Region kontrolliert, hat die Macht über die Vertriebsrouten. Zuletzt kam es in Tacueyo zu einem Massaker an der indigenen Bevölkerung. Darunter auch die indigene Politikerin Cristina Bautista (42). „Ich bin überzeugt, dass wir, die den Frieden wollen, mehr sind als die, die den Krieg wollen“, sagte sie in einer ihrer letzten Stellungnahmen. Doch gewonnen haben wieder einmal die, die Krieg führen.

„Wir brauchen Infrastruktur, Investitionen in Bildung und Arbeitsplätze und politische Teilhabe“, sagt Friedensaktivist Leyner Palacios Asprilla, der aus der überwiegend von Afrokolumbianern bewohnten bettelarmen Provinz Choco stammt. Hier ist nichts zu spüren vom urbanen Boom in den Großstädten Medellín und Bogotá, hier gibt es bisweilen nicht einmal asphaltierte Straßen oder Trinkwasseranschlüsse. Und das hat Konsequenzen: „Wenn die Jugendlichen keine Perspektive haben, dann schließen sie sich den bewaffneten Banden, dem Drogenhandel oder dem illegalen Bergbau an.“

Das schnelle Geld des Drogenhandels ist eine der Ursachen für die Gewalt in der Region, der illegale Bergbau mit dem Einsatz von giftigen Schwermetallen Ursache einer verheerenden Umweltzerstörung des artenreichen und ökologisch wertvollen Regenwaldes in der Region. Die Konsequenzen sind die gleichen: „Krieg und Gewalt bedeuten immer Leid und Schmerz für die Zivilbevölkerung“, sagt Palacios.

Palacios gehört zu jenen Opfern des jahrzehntelangen bewaffneten Konflikts, die am eigenen Leib erlebt haben, was Krieg heißt. Am 2. Mai 2002 verlor er bei einer Bombenexplosion 32 Familienangehörige und enge Freunde. Der Anschlag ist als das Massaker von Bojayá in die kolumbianische Geschichte eingegangen.

Neue soziale Bewegung

Auch drei Jahre danach ist vom Friedensvertrag nicht viel zu spüren. Doch Palacios ist nicht mehr allein. Prallten in der Vergangenheit die Hilferufe aus der wegen der ungünstigen geografischen Lage vom Rest des Landes abgeschnittenen Region meist ungehört an den Bergrücken der Anden ab, kommt nun Unterstützung aus der Zivilgesellschaft. Es sind die jungen Kolumbianer, die erkannt haben, dass das Land einen tiefen gesellschaftlichen Wandel braucht.

Und so fordern die vielen Hunderttausend Demonstranten, die in diesen Tagen in Kolumbien demonstrieren, ein Umdenken. Und sie haben klare Forderungen: Eine gerechte Sozialpolitik, eine konsequente Umsetzung des Friedensvertrags, einen wirklichen Schutz der sozialen Aktivisten und Menschenrechtler und eine nachhaltige Umweltpolitik. Der kolumbianische Politikwissenschaftler Ariel Avila nennt die aktuelle Entwicklung das „Erwachen einer sozialen Bewegung“ in Kolumbien. „Was wir wollen, ist ein neues Kolumbien“, sagen Laura und Diana. „Wir wollen, dass die Menschen eine faire Chance bekommen, egal aus welcher Region und welcher Bevölkerungsschicht sie stammen.“

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Veröffentlicht
Von
Denis Düttmann
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