Bildung: Die Anforderungen an die Persönlichkeit der Pädagogen sind hoch - wer sich dem Beruf nicht gewachsen fühlt, hatte oft schon im Studium das Gefühl, nicht am richtigen Platz zu sein Nicht jeder eignet sich als Lehrer

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Sie müssen oft viel einstecken und trotzdem motiviert bleiben: An Lehrer werden hohe Ansprüche gestellt.

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Ursula Barth

Sie mögen Kinder und Jugendliche? Stecken persönliche Angriffe locker weg? Haben immer einen witzigen Spruch auf den Lippen und haken Misserfolge schnell ab? Wenn Sie dazu noch durchsetzungsfähig, flexibel, warmherzig, stressresistent und freundlich sind, ein dickes Fell besitzen, sicher in der Öffentlichkeit auftreten, mit Menschen umgehen können und zu großen Anstrengungen bereit sind, dann eignen Sie sich - vielleicht - als Lehrer.

21 Merkmale listet der Selbsttest "Fit für den Lehrerberuf" der Potsdamer Psychologen Uwe Schaar-schmidt und Susanne Herlt auf, mit dem angehende Lehramtsstudenten überprüfen können, ob sie sich den Ansprüchen des Lehrerberufs gewachsen fühlen. Wer sich den Fragen selbstkritisch stellt, merkt schnell, wie hoch die Anforderungen an die Persönlichkeit des Pädagogen sind. "Motivation ist wichtig - und eine gute eigene Lernbiografie", sagt Bildungsforscher Professor Udo Rauin von der Universität Frankfurt.

Falsche Vorstellung vom Beruf

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Obwohl sich die Länder derzeit um Lehrer reißen, scheint geeigneter Nachwuchs schwer zu finden zu sein. Vor allem an der "guten Lernbiografie" mangelt es nach einer Studie des Bildungsökonomen Ludger Wößmann vom Münchner Ifo-Institut manchen Studenten. In seiner Untersuchung (mit Daten von 1997) verglich er die Schulnoten von Lehrern mit denen anderer Berufsgruppen. Das Ergebnis: Während der Abiturdurchschnitt der Gymnasiallehrer mit 2,11 so gut war wie der von anderen Hochschulabsolventen, fielen die Grund-, Haupt- und Realschullehrer mit einem Durchschnitt von 2,5 deutlich ab. Das zeige nicht zuletzt, "dass die Meinung bei manchen Studierenden vorherrscht, für das Lehramt brauche man keine besonderen Qualifikationen", kommentiert der Vorsitzende des Philologenverbands, Heinz-Peter Meidinger.

Im anstrengenden Schulalltag, in dem große Klassen, undisziplinierte Schüler und fordernde Eltern die Lehrer permanent auf die Probe stellen, erweist sich das schnell als fatale Fehleinschätzung. Die hohe Zahl ausgebrannter Lehrer - nach einer Studie der Universität Potsdam leidet rund ein Viertel der Pädagogen unter Burnout - erklären sich Forscher vor allem damit, dass viele den falschen Beruf gewählt haben.

Engagierte und Pragmatiker

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Nach einer Studie der Universität Frankfurt, für die 1000 Personen vom Studium bis in den Beruf begleitet und viermal zu ihrer Wahl und Eignung befragt wurden, beurteilten 27 Prozent der Studenten ihre Befähigung schon von Beginn an sehr skeptisch. 38 Prozent zählten zu den "Engagierten", die in allen Bereichen positive Werte erzielten. Bei 35 Prozent überwogen pragmatische Motive für die Berufswahl. "Die Sicherheit des Beamtentums, wenig Kontrolle von außen, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder ein Arbeitsplatz in der Nähe des Heimatortes spielen bei der Entscheidung eine Rolle", sagt Rauin.

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Etwa ein Viertel der Lehramtsstudenten wollte eigentlich nie Lehrer werden und empfand die Wahl nur als Notlösung - etwa die Hälfte von ihnen sprang ab, sobald sich eine Alternative bot. Bei den Übrigen, die weitermachten, rächte sich das im Job: 60 Prozent der Studienteilnehmer, die sich später dem Beruf nicht gewachsen fühlten, hatten sich schon im Studium überfordert oder wenig motiviert gezeigt. Wer sich dagegen im Studium engagiert hatte, fühlte sich auch dem Beruf gewachsen: Aus dieser großen Gruppe litten nur zehn Prozent an Überforderung.

"Viele Menschen ergreifen das Studium ohne klare Vorstellung von den beruflichen Anforderungen", sagt Rauin. Die vermeintlichen Annehmlichkeiten werden dabei offenbar überschätzt, denn das Arbeitsumfeld an den Schulen ist oft alles andere als optimal. "Was zermürbt, sind die schlechten Bedingungen", sagt Uta Schmidt, Studienrätin für Französisch und Gemeinschaftskunde. Der ständige Lärm, viele Menschen auf engem Raum, marode Gebäude und die schlechte Ausstattung der Schulen erschwerten den Pädagogen die Arbeit. "An unserer Schule gibt es für 75 Lehrer ein Kopiergerät. Da steht man morgens um sieben schon Schlange." Viel Fron, wenig Lohn: Kritik werde großzügig verteilt, positives Feedback sei selten, sagt Schmidt, die trotz allem für ihren Beruf brennt. "Die psychische Belastung", bestätigt Rauin, "ist so hoch, dass sie krank machen kann." Fast jeder dritte Lehrer scheidet nach Angaben des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) wegen Dienstunfähigkeit vorzeitig aus.

Das spricht sich herum: Nach einer neuen Umfrage unter Frankfurter Oberstufenschülern halten nur noch fünf bis sieben Prozent den Lehrerberuf für erstrebenswert. Vor allem die männlichen Schulabgänger entscheiden sich für andere Berufe. Nur noch sieben Prozent der Lehrer sind Männer. Neben den schlechten Arbeitsbedingungen wirken geringe Aufstiegschancen und Leistungsanreize sowie das schlechte Image abschreckend auf die Schulabgänger.

Auf der Jagd nach Nachwuchskräften wollen viele Bundesländer jungen Leuten den Lehrerberuf mit Imagekampagnen schmackhaft machen. Das IW dagegen rät, den Anreiz für ehrgeizige Nachwuchskräfte zu steigern, indem man Lehrer stärker nach Leistung bezahlt. "Es geht aber nicht darum, genügend Lehrkräfte in Deutschland zu rekrutieren, sondern es geht darum, genügend Geeignete für diesen Beruf zu interessieren", kritisiert Philologenverbandschef Meidinger.

Damit sich mehr Abiturienten bewusst für ein Lehramtsstudium entscheiden, dringen Experten auf eine Reform der Ausbildung hin zu mehr Praxisnähe. "Es ist ein großes Manko, dass viele erst merken, dass das Lehramt nicht das Richtige ist, wenn sie schon im Beruf angekommen sind", sagt Matthias Schneider, Sprecher der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Baden-Württemberg. Deshalb müsse frühzeitig die Möglichkeit geschaffen werden, selbst festzustellen, ob man für die Schule geeignet ist.

Das Land Nordrhein-Westfalen etwa hat ein Vorpraktikum eingeführt, andere Länder schicken die Studenten während des Studiums an die Schulen. Bildungsforscher Rauin schlägt vor, zunächst einen Fach-Bachelor abzulegen und danach den Master für das Lehramt dranzuhängen. Eignungstests, wie sie die Wirtschaft seit langem fordert, hält er dagegen für unrealistisch. "Das macht nur Sinn, wenn sie mehr Bewerber als Plätze haben. Zurzeit ist es aber umgekehrt."