BASF-Explosion - Die Urteilsverkündung vor dem Frankenthaler Landgericht ist für die Angehörigen der Todesopfer und die schwer verletzten Feuerwehrleute ein schwerer Gang „Ich bin maßlos enttäuscht – es stellt alles auf den Kopf“

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Dichter Qualm und Flammen steigen am 17. Oktober 2016 in Ludwigshafen auf. Im Vordergrund des Bildes der Landeshafen Nord. © dpa

Wie von einem unsichtbaren Schwert getroffen zuckt die Mutter eines getöteten Feuerwehrmannes zusammen, als der Vorsitzende im Frankenthaler Prozess um das BASF-Explosionsunglück die Entscheidung verkündet. Weil der Mann, der ihr gegenüber sitzt, bei Arbeiten im Rohrgraben eine falsche Leitung angeschnitten und damit ein verheerendes Inferno mit fünf Toten und 44 Verletzten verursacht hat, wird er wegen fahrlässiger Tötung, Körperverletzung und Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr verurteilt. Als Richter Uwe Gau davon spricht, dass die schrecklichen Bilder der Katastrophe auch jene Menschen umtreiben, die sie mit beruflicher Distanz betrachten, hält es die Frau nicht mehr aus. Sie geht weinend aus dem Gerichtssaal. Draußen kann sie sich nur schwer beruhigen. „Ich bin maßlos enttäuscht“, sagt sie, und Tränen laufen über ihr Gesicht.

Tödliche Explosion

  • 17. Oktober 2016: Im Landeshafen Nord in Ludwigshafen erfolgt auf dem Gelände der BASF eine Explosion. Drei Menschen kommen ums Leben, ein weiterer stirbt wenig später im Krankenhaus, ein weiterer nach elf Monaten. 28 Menschen werden verletzt, zum Teil schwer.
  • 4. November 2016: Die Staatsanwaltschaft gibt den Landeshafen Nord wieder frei.
  • 24. November 2016: Die Staatsanwaltschaft gibt auch den Ort der Explosion wieder frei.
  • 13. Dezember 2017: Das Gutachten eines Brandsachverständigen liegt vor: Der Mitarbeiter einer Fremdfirma hat bei Arbeiten mit einem Winkelschleifer ein Rohr angeschnitten und die Explosion mit Folgebränden verursacht.
  • 1. November 2018: Die Strafkammer des Landgerichts Frankenthal eröffnet das Verfahren.

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Für den Vorsitzenden ist klar, dass der schmächtige Mann - ein 63-jähriger Schlosser aus Mannheim - am 17. Oktober 2016 um 11.20 Uhr einen verhängnisvollen Fehler gemacht hat - aus Unachtsamkeit. Nach der Frühstückspause habe er einen Dehnungsbogen zerlegen wollen. „Dabei hat er sich umgedreht, so dass er plötzlich mit dem Rücken zum Hafenbecken stand. Statt sich neu zu orientieren, hat er das mit Butan gefüllte Rohr 164 in der Drei-Uhr-Position aufgeschnitten. Das Gas strömte aus, entzündete sich an der Flex und setzte den Angeklagten in Brand. Der rannte zum Zaun, wo ihn um 11.20 Uhr und 21 Sekunden eine Überwachungskamera aufnimmt“, fasst Gau die tragischen Sekunden zusammen.

Die anschließenden Löschversuche im Rohrgraben seien wirkungslos geblieben, was ein Video zeigt. Da die Feuerwehr von einem „normalen Einsatz“, einem „Feuerchen“, ausgegangen sei, habe sie angefangen, einen mobilen Wasserwerfer aufzubauen. „Tragisch ist, dass keine Zeit blieb, wichtige Informationen an die Einsatzkräfte weiterzugeben, da die Ethylenleitung vorher explodiert ist.“ Das Gas sei mit hohem Druck wie eine weiße Lanze aus der Pipeline geschossen, habe das Fahrzeug erfasst und um einige Meter versetzt. „Durch den Sauerstoff gab es eine Durchzündung mit einem riesigen Feuerball. Die abgerissene Ethylenleitung hat sich wie eine Peitsche aus dem Graben bewegt und sich um das Feuerwehrauto geschlungen - mit verheerenden Folgen“, sagt der Richter in die Stille.

Wie gravierend die Verletzungen der Retter waren, kleidet er in klare Worte: „Die drei Feuerwehrleute haben sich gegenseitig nicht mehr erkannt, weil im Hafenbecken nur drei Männer mit schwarzen Gesichtern schwammen.“ Ursächlich für die Katastrophe sei der falsche Schnitt gewesen. Der Angeklagte hatte zwar immer wieder beteuert, dass er am richtigen Rohr war, „doch dort wurde kein Schnitt gefunden“. Allerdings gehen die Richter auch von einer Mitverantwortung der BASF aus. „Dass die Fernleitungen gefährlich sind, war bekannt. Aber alle Sicherheitskonzepte waren darauf ausgerichtet, dass ein ,Dennoch-Fall’ wie ein falscher Schnitt nicht passiert.“ Man habe sich auf die gut ausgebildete und ausgerüstete Feuerwehr sowie auf die fachkundigen Einweiser verlassen, die Einsatzkräfte bei Unfällen mit Informationen versorgen. „Die Vorkehrungen für einen Dennoch-Fall waren unzureichend.“ Obwohl es 2011 einen Fehlschnitt an einer Leitung für verflüssigten Ammoniak gab: „Es fehlte damals nicht viel, dann wäre eine Giftwolke über Ludwigshafen gezogen.“

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Die Mutter des getöteten Feuerwehrmannes hört das alles nicht. Sie bleibt vor dem Saal zwischen den Filmteams sitzen. Später sagt sie nur: „Das ist ganz schlimm. Es stellt alles auf den Kopf. Aber wissen Sie, ich kann gar nicht mehr weinen.“

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