Interview: Der Bundesvorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung, Ludwig Eckinger, kritisiert die Kultusminister und hält den Lehrermangel für hausgemacht "Die Ganztagsschule ist ja nicht über Nacht gekommen"

Lesedauer: 

Ursula Barth

AdUnit urban-intext1

Mannheim. Der Lehrermangel lässt die Länder in fremden Revieren wildern. In Stralsund versprachen sich die Kultusminister einen "fairen Wettbewerb". Ludwig Eckinger, Vorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung, glaubt nicht daran.

Die Länder reißen sich zurzeit um die Lehrer - ein gutes Gefühl?

Ludwig Eckinger: Wir können mit diesem ruinösen Wettbewerb nicht zufrieden sein. Auch mit der Stralsunder Erklärung der Kultusminister nicht - das ist reine Selbstbeweihräucherung.

AdUnit urban-intext2

Warum?

Eckinger: Die Behauptung, dass die Kultusministerkonferenz den künftigen Lehrereinstellungsbedarf frühzeitig in den Blick genommen hat, ist entweder zynisch gemeint oder ein Druckfehler. Warum haben wir dann einen so krassen Lehrermangel? Selbst der nationale Bildungsbericht geht davon aus, dass bei einem Bedarf von zehn Lehrern wegen des Pensionierungsschubs nur fünf vorhanden sein werden.

AdUnit urban-intext3

Warum liegen die Länder mit ihren Bedarfsprognosen so daneben?

AdUnit urban-intext4

Eckinger: Dass man auf Beispiele verweist, die man nicht voraussehen konnte, ist eine Bankrotterklärung. Die Ganztagsschule etwa ist ja nicht über Nacht gekommen. Ich kann nicht akzeptieren, dass man sich da so täuscht.

Die Länder versprechen sich jetzt "fairen Wettbewerb" um Lehrer.

Eckinger: Man sieht ja, wie fair der ist. "Wettbewerb im kooperativen Bildungsföderalismus" bedeutet die Quadratur des Kreises. Wir müssen eine gemeinsame Strategie hinkriegen, um den bundesweiten mittel- und langfristigen Lehrerbedarf zu analysieren. Es kann nicht sein, dass sich die Länder abschotten.

Ist die Mobilität der Absolventen wirklich gewährleistet, wie die Kultusminister behaupten?

Eckinger: Das funktionierte in den letzten Jahren überhaupt nicht. Wenn Sie einen Seminarschein in Baden-Württemberg gemacht hatten, wurde er in Niedersachsen nicht anerkannt und umgekehrt. Als Portugiese können Sie sich nach der europäischen Gesetzgebung einklagen. Als Niedersachse können sie aber nicht nach Nordrhein-Westfalen wechseln, bloß weil Sie in Nuancen eine andere Ausbildung haben.

Können Seiteneinsteiger zur Bewältigung des Mangels beitragen?

Eckinger: Ich habe nichts gegen einzelne Personen. Es bleibt aber eine Notmaßnahme, die die Profession des Lehrers wirklich bedroht.

Mangel herrscht besonders in den Naturwissenschaften. Wie könnte man den Beruf Absolventen dieser Fächer schmackhaft machen?

Eckinger: Es wird schwierig, den Bedarf von heute auf morgen zu decken. Man muss Notmaßnahmen zulassen: für den Beruf werben und dann pädagogisch und didaktisch nachqualifizieren. Das darf aber nicht zur Strategie erklärt werden. Langfristig müssen Abiturienten viel früher und besser über den Lehrerberuf aufgeklärt werden.

Könnte man Lehrer in Mangelfächern nicht besser bezahlen?

Eckinger: Ich bin da sehr skeptisch. Dann kommen andere und sagen, das ist schreiend ungerecht. Das Pfund, mit dem man wuchern kann, ist ein sicherer Arbeitsplatz. Und das ist in heutigen Zeiten keine Kleinigkeit.