Zu schön, um wahr zu sein

Von 
Wintzek
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Mit dem Tod Benedikt XVI. endet eine Ära, auch eine Ära kirchlichen Selbstverständnisses, das seit langem vielen Zeitgenossen aus der Zeit gefallen erschien. Die fraglos verblüffende Gelehrsamkeit Joseph Ratzingers, seine rhetorische Brillanz und seine anzuerkennende wissenschaftliche Reputation sind indes nur das eine. Das andere ist ein kritischer Blick darauf, um welche Art von Theologie es sich handelt. Das kann erklären, wie es zu den gegenwärtigen Zerwürfnissen innerhalb der Kirche und ihrer Selbstdemontage kommen konnte, wenn nicht gar kommen musste.

Ratzingers Theologie suchte zwar die Konfrontation mit dem Denken der Moderne, konnte sich aber nicht auf das Denken der Moderne einlassen. Während des Konzils (1962 - 1965) galt der junge Professor als fortschrittlich. Doch das vermeintlich Neue war ein Rückgriff auf Älteres, kein Zugriff auf die Moderne. Leitend wurde ein Altplatonismus, der sich gegen konkret geschichtliche Ambivalenzen verschließt. Das Programm einer „Entweltlichung“ ist dadurch folgerichtig.

Allerdings ist eine solche Theologie nicht nur aus der Zeit, sondern auch aus dieser Welt gefallen. Diskontinuitäten und Wandel sind nur durch das Narrativ einer Verfallsgeschichte formulierbar, denn ohne den Ideenhimmel jenseits von Zeit und Welt bleibt nur mehr das Schattenreich der „Diktatur des Relativismus“.

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Diese Theologie kann sich nur als autoritativ lehrende Theologie verstehen – die Beispiele rigider Sanktionierungen alternativer Theologen und Theologinnen sprechen für sich. Wo der Ideenhimmel des ewig Gültigen fix steht, ist es unmöglich, sich als lernende Theologie zu reformieren.

Die Moderne hat jedoch das Prinzip freier Selbstbestimmung errungen. Dieses muss nicht zu einer Ablehnung Gottes führen, weil nur abgelehnt wird, himmlische Direktiven hinzunehmen. Ratzinger unterstellte jedoch, man biedere sich dem Zeitgeist an. Sich nicht unkritisch jeder Modeerscheinung zu verschreiben, ist das eine. Das andere ist, sich über die Tatsache selbst aufzuklären, dass es eine entweltlichte und nicht geschichtlich relative Theologie nicht gibt. Ratzingers Theologie ist selbst Zeitgeist-bedingt – der Geist einer vergangenen Welt.

Eine redliche Frömmigkeit ist dem verstorbenen Papst gewiss nicht abzusprechen, doch es ist seine. Diese ist verwoben mit der skizzierten Theologie, doch auch diese ist seine.

Der Schein des Wahren, Guten und Schönen erwies sich im Pontifikat Benedikts XVI. als fataler Schein, etwa was die Überhöhung des Priesterbildes und der kirchlichen Institution betrifft. Der tiefe Fall in die Abgründe des sexuellen und spirituellen Missbrauchs lässt diese Theologie sprachlos zurück. Ihr vertuschendes Schweigen ist deshalb kein Betriebsunfall, es ist konsequent.

Der mit Verwunderung oder Entsetzen verfolgte Rücktritt Benedikts XVI. bedeutete ein Erdbeben, das diese Theologie in ihren Grundfesten erschüttern muss. Die redlichen und biografischen Gründe mögen unbestritten sein. Den am meisten Entsetzten dürfte intuitiv klargeworden sein, dass mit der Abdankung auch diese Theologie abdankt. Hierzu gibt es Alternativen, die sich auf eine reformfreudige Koalition mit unserer Gegenwart einlassen können. Dies wäre auf der Höhe der Zeit und deshalb höchste Zeit.

Prof. Dr. Oliver Kooperator in der kath. Seelsorgeeinheit Johannes XXIII Wintzek