„Ulmer Nest“ bietet Schutz

Wohnungslose: Die Stadt Ulm hat im Winter Erfrierschutz-Kapseln für Wohnungslose getestet

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dpa
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Hannah Böck (l.) und Norman Kurock (r.), Mitarbeiter der Caritas Ulm-Alb-Donau, stehen neben dem Ulmer Nest am Karlsplatz. © Weller(dpa

Um 18 Uhr gehen automatisch grüne Lichter an. Das „Ulmer Nest“, sollen sie signalisieren, ist frei. Das Schloss an der Klapptür des fünfeckigen Kastens aus Holz und Stahlblech wird wie von Geisterhand entriegelt. Benjamin lässt die Hydraulik-Tür nach oben gleiten und verstaut seine Habe: ein Rucksack, ein Schlafsack, ein Einkaufsbeutel mit Proviant. Für diese Nacht ist alles klar. Keine Angst vor dem Erfrieren, keine Angst vor Dieben oder Schlägern.

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Das „Nest“ ist von innen verriegelbar, von außen kann man nicht hineinsehen. Und am Morgen werden Streetworker der Caritas nach dem Schlafgast schauen. „Vorher habe ich immer versucht, auf einer Bank am Busbahnhof zu übernachten“, erzählt Benjamin. „Aber da ist es laut, kalt und ungemütlich, manchmal auch gefährlich.“

Eines Tages im Dezember hätten ihn am Busbahnhof Polizisten angesprochen, berichtet der Wohnungslose, der seinen Nachnamen nicht veröffentlicht sehen möchte. „Die haben mich gefragt, wieso ich nicht in eines der Ulmer Nester gehe. Seitdem bin ich da jeden Abend hingegangen.“

Es gibt in den „Nestern“ zwar keine Heizung, aber ein ausgeklügeltes Belüftungssystem sorgt unter Nutzung von Körperwärme dafür, dass es drinnen um jeweils vier bis fünf Grad wärmer ist als draußen. Bei starkem Frost könnten jedoch auch im „Ulmer Nest“ lebensbedrohlich niedrige Temperaturen auftreten, warnt die außen angebrachte Bedienungsanleitung. „Bitte benutze auf jeden Fall einen Schlafsack.“ Zwei dieser 2,50 Meter langen „Nester“ hatte die Stadt Ulm zum Beginn des Winters am Rand von zwei Stadtparks aufstellen lassen, bei Projektkosten von insgesamt rund 35 000 Euro. Hauptziel: Menschen vor dem Erfrieren bewahren. Zwar gibt es in Ulm wie in den meisten Städten Obdachlosenunterkünfte verschiedener sozialer Einrichtungen. Doch überall gibt es auch wohnungslose Menschen, die solche Unterkünfte meiden. „Die Gründe sind vielfältig“, sagt Norman Kurock von der Caritas, der Wohlfahrtsorganisation der katholischen Kirche in Deutschland. „Manchmal ist es Scham. Einige fühlen sich unwohl in Gruppenunterkünften. Manche meiden sie, weil sie keine Hunde mitbringen dürfen – oder auch, weil man in den meisten Unterkünften keinen Alkohol trinken darf.“

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Kurock war in den Wintermonaten abwechselnd mit seiner Kollegin Hannah Böck als Streetworker für die Betreuung von Benjamin und anderen auf den Ulmer Straßen lebenden Wohnungslosen im Einsatz. „Unser Fazit ist klar“, sagt Böck. „Die Ulmer Nester haben sich bewährt, sie haben Menschen ganz real geholfen und sie sollten auch im nächsten Winter wieder als Erfrierschutz bereitstehen.“

Bezahlt wurde der Einsatz der Streetworker von einer EU-Einrichtung mit der Abkürzung EHAP: Europäischer Hilfsfonds für die am stärksten benachteiligten Personen. Für die Kosten der „Nester“ muss hingegen weitgehend die Gemeinde aufkommen. Auch deshalb soll nun geprüft werden, ob im kommenden Winter wieder „Ulmer Nester“ bereitstehen sollen. dpa