Literatur - Sam Byers schickt in „Schönes Neues England“ Londoner Hauptstädter ins Hinterland, wo Bürgerwehren wüten Satire spielt in England nach dem Brexit

Von 
Sibylle Peine
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Das Brexit-Chaos ist längst in der Literatur angekommen. Als erster Brexit-Roman wurde bereits kurz nach dem Referendum 2016 „Autumn“ von Ali Smith gefeiert. Er schien die aufgewühlte Stimmung des zerrissenen Landes perfekt widerzuspiegeln. Im vergangenen Winter erschien auf Deutsch „Die Mauer“ von John Lanchester. In dieser Dystopie versteckt sich das verängstigte Post-Brexit-England hinter einer meterhohen Betonmauer, die das Vereinigte Königreich vor den bedrohlichen „Anderen“ schützen soll. Und nun kommt Sam Byers mit seiner bösen Satire „Schönes Neues England“.

Der Schriftsteller Sam Byers. © Siddharth Dhanvant Shanghvi
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Sein Zukunftsszenario ist dabei gar nicht einmal so weit von der Realität entfernt. Der Furor wütender Nationalisten, die Angst bedrängter Mieter, der Terror gezielt eingesetzter Hassmails, all das gibt es ja auch heute schon. Byers mischt daraus nur einen besonders giftigen Cocktail.

Der Roman spielt in Edmundsbury, einer fiktiven Kleinstadt im Osten Englands. Hierhin hat sich die hippe Londoner Elite nach dem Brexit zurückgezogen. Denn das Leben in der einst so verachteten Provinz gilt inzwischen als schick. Schriftsteller kultivieren das Image von Landedelmännern vergangener Zeiten und schwärmen von einem „versunkenen England, das allein aus Heckenlandschaft und Tonerde bestand“.

Während die Intellektuellen die Vergangenheit verkitschen und literarische Salons in der Provinz etablieren, gärt es unter der Oberfläche. Die rechtspopulistische Partei England Always hat nach dem Brexit keineswegs an Kraft eingebüßt, sondern ist mit ihren wütenden chauvinistischen Parolen populärer denn je. Ihr Hauptsprachrohr ist Hugo Bennington mit seiner Kolumne im Revolverblatt „Record“: „Bennington redete nicht um den heißen Brei herum, politische Korrektheit oder modische Zugeständnisse gab es bei ihm nicht. Er sagte, was Sache war, und das in einer Sprache, für die man keinen Hochschulabschluss in Scheißelabern brauchte, um sie zu verstehen.“

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Benningtons Tiraden gegen Sozialschmarotzer, Migranten, dekadente Schwule und feministische Weiber sind die Lieblingslektüre von Darkin. Der alte, etwas heruntergekommene Witwer ist der letzte Mohikaner in einer städtischen Wohnsiedlung, die von einem Investor in eine Luxusimmobilie umgewandelt werden soll. Darkin, der treue Staatsbürger, der stets malochte und Steuern zahlte, fühlt sich von der Gesellschaft nun ausgespuckt wie „Drecksspülwasser“. Als ihn der Investor wegen seiner Renitenz schikaniert, wird er zum Symbol des Widerstandes. Die Populisten instrumentalisieren ihn für ihre Zwecke und eine Art Bürgerwehr taucht auf, um ihn zu verteidigen, nachdem ein feministischer Tweet alte weiße Männer mit dem Genozid bedroht.

Die digitale Welt, in der Stimmungen geschürt, zu Hass aufgerufen und Menschen manipuliert werden, ist ein zentrales Thema des Romans. Der Technologiekonzern „Green“, der die Infrastruktur der Stadt kontrollieren will, spielt eine undurchsichtige Rolle, eine Aktivistengruppe droht damit, die digitalen Fußabdrücke der Bewohner zu veröffentlichen, und ein liberaler Blogger ändert unter dem Einfluss einer giftigen Kommentatorin seine politische Haltung um 180 Grad. Die Technik ist hier selten Freund und Helfer, sondern wird zum bedrohlichen Brandbeschleuniger.

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Byers hat eine bissige Satire auf die konfuse Nach-Brexit-Welt geschrieben, bei der alle ihr Fett abbekommen. Die Populisten sowieso aber auch die Liberalen und die coolen Technologiejünger. Was den meisten in dieser trudelnden Gesellschaft fehlt, ist einfach Haltung und ein fester moralischer Kompass. Schade nur, dass Byers sich so wenig diszipliniert hat. Die Dialoge sind oft ausufernd, das Personentableau arg üppig geraten und auch die Handlungsführung ist überkomplex.

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So gilt es, noch auf den großen Brexit-Roman zu warten. Jonathan Coes „Middle England“ über die Auswirkungen des Brexits auf die englische Mittelschicht soll ja bald auf Deutsch erscheinen. Auch der britische Erfolgsautor Ian McEwan hat ein Buch über das Brexit-Chaos geschrieben. Der Roman „Die Kakerlake“ (Original: „The Cockroach“) soll Ende November auf Deutsch erscheinen.