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Nähe und Abstand

Von 
Hemsbach
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Es ist schon nach 19 Uhr. Zeit, ins Bett zu gehen, finde ich. Meine Tochter, nicht ganz zwei Jahre alt, sieht das anders. „Weg“ sagt sie, während sie ihren Arm ausstreckt und mich des Zimmers verweist.

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Ich gebe mich vordergründig geschlagen, stehe auf und lasse ihr den Freiraum, nach dem sie verlangt. Wohlwissend, dass sie später laut und eindringlich nach mir rufen wird. Denn alleine einschlafen ist ihre Sache nicht. Erst wenn sie sich ganz nah an mich kuschelt, dann schläft sie ein.

Wie viel Nähe und wie viel Abstand wir Menschen brauchen, ist individuell verschieden. Die eine geht gerne auf Tuchfühlung, der andere ist am liebsten für sich allein. Zu welchem Typ Mensch gehören wir?

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Mit dieser Frage mussten wir uns zwangsläufig in den letzten beiden Jahren immer wieder auseinandersetzen. 1,5 Meter Mindestabstand hieß es in der Warteschlange an der Kasse, in den Kirchenbänken oder bei der Chorprobe. Ein Handschlag zur Begrüßung oder gar eine Umarmung blieb aus.

Wir Menschen sind zu einander auf Distanz gegangen. Manch einem ist der Rückzug ins Private gut bekommen, bei den meisten aber sieht es anders aus. Denn der Mensch ist ein Beziehungswesen angewiesen auf Nähe, Berührung und Ansprache.

Seit Anfang des Monats kann nun aber, wer mag, seinen Mitmenschen wieder ganz nahe sein. Das 9-Euro-Ticket macht es möglich. Menschen sitzen oder stehen dicht gedrängt in den Zügen des öffentlichen Nahverkehrs, bevölkern die Bahnsteige und füllen die Bahnhofshallen.

Mein erster Gedanke beim Anblick all dieser Menschen war „Weg!“. So viel Nähe auf einmal schien mir fast den Atem zu rauben. Aber nachdem ich mich an die Situation gewöhnt hatte, keimte in mir Freude auf. Denn wenngleich große Ansammlungen von Menschen Beklemmungen hervorrufen können, sind sie doch Ausdruck von Lebendigkeit. Als wäre unsere Gesellschaft aus dem Winterschlaf erwacht, kehrt das Leben nun zurück.

Auch in unsere Gemeinden kommt wieder mehr Bewegung. Die Menschen freuen sich auf die Begegnung, das Feiern von Festen wie Taufen und Hochzeiten. Den Mindestabstand müssen wir nicht mehr einhalten, und dennoch verschwinden die vielen freien Plätze in unseren Kirchen nicht, schon seit Jahren.

Im Buch der Psalmen heißt es: „Gott nahe zu sein ist mein Glück.“ (Ps 73,28) Viele Menschen wollen diese Nähe nicht mehr zulassen, gehen auf Distanz zur Institution Kirche. Sie verbinden Glaube mit Vorschriften, Erwartungen und alten Traditionen. Sie fühlen sich eingeengt und sagen: „Glauben kann ich auch allein“.

Das mag für manche Leute stimmen. Die meisten Menschen aber brauchen andere Menschen um zu glauben. Sie brauchen den Kontakt mit anderen, um mit Gott in Kontakt zu kommen. Sie brauchen einen Ort, an dem sie sich frei fühlen und zugleich Geborgenheit erfahren. Wir Menschen brauchen immer beides: Nähe und Distanz, nur nicht zur gleichen Zeit.

Egal in welcher Phase wir uns gerade befinden, egal, ob wir alles von uns wegschieben, egal, ob wir trotzig und frech sind oder ob wir eine Schulter zum Anlehnen oder eine Hand zum Festhalten brauchen, es gilt doch immer: „Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“ (Evangelisches Gesangbuch Nr. 65). Was für ein Glück!

Corinna Seeberger,

Pfarrerin,

Hemsbach

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