Lyrik - Mit Maren Kames’ „Luna Luna“ ist in diesem Jahr erneut ein Gedichtband für den Preis zur Leipziger Buchmesse nominiert / Autorin bleibt ihrem Stil treu Ist das noch Traum oder schon Trauma?

Von 
Frauke Kaberka
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Es ist Poesie der Träume, aber keinesfalls zum Träumen: Viel zu aufreibend und viel zu stürmisch fliegen Sequenzen wie Wolkenfetzen im Sturm über die Seiten des Lyrikbandes „Luna Luna“ der Wahl-Berlinerin Maren Kames. Und sie lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass diese Gedanken aus der Dunkelheit kommen, aus dem Dunkel des Inneren – im irrwitzigen Kontrast zu den rosa Gehirnwindungen, die sie hervorbringen. Oder dem pinken Mond, den sie besingt.

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Überhaupt lebt diese Dichtung von Kontrasten: Dunkle, wütende Gedanken werden zeitweilig von Breaks gestoppt, die scheinbar ohne Zusammenhang vom zerbrochenen Ich zu auf der Wiese herumstehenden Kühen springen. Humor kontra Tristesse: Traurigkeit wird kurz gesprengt von einem schnarchenden Scheich am Flughafen. Der (maskuline) alles beherrschende Mond ist feminin (Luna), die „Denkerin“ ist eine Frau, die Geisha ein Gegenpart zum Mann, zu Sheitan – oder Satan oder Teufel oder Dämon.

„Atemlos“ und „Ode an die Freude“

Es ist schwer zu sagen, wen Kames mehr anspricht: die Rastlosen, die im Zustand zwischen Schlafen und Wachen ähnliche Flüge durch das mit Informationen und Gefühlen vollgestopfte Hirn masochistisch aushalten, oder jene, denen genau solche wilden Ritte durch das geistige Universum willkommen sind und für die sie eher gern erlebte Träume als Traumata darstellen. Nachvollziehbar ist beides.

Eine auf den ersten Blick vermeintliche Disharmonie wird mit einem poppigen Bindemittel zur schrägen Ausgewogenheit oder andersherum: zur ausgewogenen Schieflage. Denn nach dem Konsum des Textes hat der Leser meist Schlagseite – und das bereitwillig! Nahezu 30 Songs bekannter Interpreten helfen dem Verstehen auf die Sprünge: von Alphaville über Annie Lennox, David Bowie und Dusty Springfield bis hin zu Radiohead, Tom Waits und vielen mehr.

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Und so mancher wird sich fragen, was Helene Fischer hier zu suchen hat. Es ist einfach witzig: „Der Tyrann (...) verliebt sich spontan in den Soldaten, beugt sich zu ihm in den Graben und macht einen Sprechgesang: atemlos, einfach raus! deine augen ziehn mich aus! atemlos, durch die nacht, spür, was liebe mit uns macht! (...)“ Selbst Friedrich Schillers Ode an die Freude muss herhalten: „freude schöner götterfunken, tochter aus elysium, wir betreten feuertrunken, himmlische, dein heiligtum. - die granaten legen wir hier ab, das tief schwarze pulver. (...)“

Fraglos bestätigt „Luna Luna“ das, was man von Kames nach ihrem preisgekrönten Debüt („Halb Taube, halb Pfau“, 2016) erwartete: Auch ihr zweites Werk ist ungewöhnlich, ja spektakulär und nicht von ungefähr für den Buchpreis der Leipziger Buchmesse (12. bis 15. März) nominiert. Als Bettlektüre ist „Luna Luna“ ungeeignet, wohl aber für einen aufregenden Ausflug in die Welt der Traumsequenzen mit allen Höhen und Tiefen, Sehnsüchten und Ängsten, der viel Raum für Interpretationen der verschiedenen Art öffnet.

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Und ja, es ist ein dunkler Text, wie es im Einband heißt. Entsprechend ist auch die Aufmachung: Silberschrift auf schwarzem Grund der Einband, weiße Buchstaben auf schwarzem Grund die Innenseiten – alles assoziiert Dunkelheit, Nacht, Silbermond, Gestirne.

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Mit Jan Wagners „Regentonnenvariationen“ wurde 2015 erstmals ein Gedichtband für den Buchpreis nominiert und schließlich auch gekrönt. Auch „Luna Luna“ hebt sich stilistisch stark von herkömmlicher Lyrik ab. Hier gibt es weder klassisches Versmaß, ja nicht einmal abgeschlossene Verse, sondern einen nahezu durchlaufenden Text. Es wird neben der Farbgebung auch mit Groß- und Kleinschreibung experimentiert. dpa