Expertengipfel zum Tourismus der Zukunft

Das sind die sieben Trends beim Reisen

Tourismusexperten diskutierten mit Tourismusforscher Professor Dr. Jürgen Schmude über die Zukunft des Reisens. Wir stellen die sieben Trend dieses Gipfels vor.

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hpr/kaba
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Der Wildsee in der Olympiaregion Seefeld. Natur ist Trumpf bei Erholungssuchenden. © www.stephanelsler.com/Olympiaregion Seefeld

Die Corona-Pandemie hat den Tourismus hart getroffen und der Branche ihre bis dato größte Krise beschert. Gleichzeitig drängen Klimawandel und veränderte Urlaubsbedürfnisse schon lange auf neue Lösungen. Wie geht es also weiter: Alles neu – oder weiter wie bisher?

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Beim HPR-Reise-Gipfel im Hotel Klosterbräu & SPA in Seefeld in Tirol diskutierten sieben Destinationen und der Tourismusforscher Professor Dr. Jürgen Schmude. Das Thema: Transformation im Tourismus – Thesen, Konzepte und Antworten auf nie dagewesene Herausforderungen. Dabei blicken die Tourismusmanager aus Fernzielen (Tasmanien), Nahzielen (Baiersbronn, Laax, Luxemburg und Seefeld), dem Bereich Städtetourismus (Innsbruck) und selbst das vielgescholtene Ischgl zuversichtlich in die Zukunft. Diese sieben Trends werden den Experten zufolge die kommenden Jahre im Tourismus prägen.

  • Trend 1 – Nahtourismus und naturnaher Tourismus

„Ich gehe davon aus, dass wir 2021 einen ähnlichen Reisesommer wie 2020 haben werden“, sagt Professor Schmude. Im Corona-Sommer 2020 haben insbesondere deutsche Destinationen und der grenznahe Bereich davon profitiert, dass Fernreisen (quasi) nicht möglich waren. Baiersbronn im Schwarzwald blickt beispielsweise auf einen Rekordsommer zurück. „Die Pandemie hat bei vielen Menschen eine neue Sehnsucht nach Natur und einem gesunden, aktiven Lebensstil ausgelöst“, sagt Patrick Schreib, Tourismusdirektor von Baiersbronn Touristik. „Davon haben wir durchaus profitiert – ohne, dass wir uns neu erfinden haben müssen.“ Ähnlich sieht es im benachbarten Ausland aus: „Viele Studien deuten darauf hin, dass Österreich und insbesondere Tirol sehr hoch im Kurs stehen wird, wenn die Grenzen wieder öffnen“, ist Karin Seiler, CEO von Innsbruck Tourismus überzeugt. Und auch Dr. Sebastian Reddeker, CEO von Luxembourg for Tourism, erwartet einen positiven Sommer 2021. Das Thema Natur spielt auch für Seefeld eine richtungsweisende Rolle. Zudem profitiert die Region von der besonderen Lage nicht nur auf einem sonnigen Hochplateau, sondern auch direkt hinter der deutsch-österreichischen Grenze, so der Obmann der Olympiaregion Seefeld Alois Seyrling. Und auch das vielgescholtene Ischgl wird zu alter Stärke zurückfinden: „Jede Destination, die ein Alleinstellungsmerkmal hat – und Ischgl würde ich so ein Alleinstellungsmerkmal zuschreiben –, hat seine Zielgruppe. Und diese Zielgruppe ist sehr treu. Die Ischgl-Zielgruppe wird relativ schnell wieder zurückkommen“, ist Professor Schmude überzeugt.

  • Trend 2 – Vier-Jahreszeiten-Tourismus und Stärkung des Sommers

Die Tourismus-Manager sind sich einig, dass man auch vor dem Hintergrund des vom Klimawandel bedrohten Ski-Tourismus nicht mehr in den Kategorien Winter-Saison/Sommer-Saison denken und agieren darf – und sehen im Alpenraum den Trend hin zum Vier-Jahreszeiten-Tourismus: „Wir haben zum zweiten Mal nacheinander die Zwischensaison abgeschafft und sind nahtlos vom Winter in den Frühling gewechselt,“ erklärt Markus Wolf, CEO der Weisse Arena Gruppe Laax. Diese Entwicklung bestätigt auch Alois Seyrling: „Es gibt keine Vor- und Nachsaison mehr. Es geht grundsätzlich durch. Der Ausfall der letzten Wintersaison ist natürlich schlimm – vor allem für die reinen Winterdestinationen. Der Sommer muss und wird aber funktionieren.“ Andreas Steibl, Director Tourismusboard Paznaun-Ischgl, sieht im Sommer eine große Chance und hat sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: „Wir wollen eine der sichersten Destinationen sein.“

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  • Trend 3 – Workation

Ein spannender Trend, der massiv von der Corona-Pandemie begünstigt wird, ist „Workation“, also arbeiten, wo andere Urlaub machen. Die einen verlegen das Homeoffice komplett in den Urlaubsort, andere verbinden die Geschäftsreisen mit Urlaub. Das kann vor allem Dr. Sebastian Reddeker aus Luxemburg bestätigen: „Das Modell, die Geschäftsreise zu verlängern und die Familie nachkommen zu lassen, haben wir schon vor Corona beobachtet. Das wird weiter zunehmen.“

  • Trend 4 – Verlängerung der Aufenthaltsdauer

Workation zahlt auf eines der großen Ziele der Branche ein: Die Verlängerung der durchschnittlichen Aufenthaltsdauer. Gerade deshalb ist Workation gerade für den Städtetourismus, wo die Gäste meist nur ein bis zwei Nächte bleiben, ein möglicher Game-Changer. Innsbruck setzt auf Work-ation und positioniert sich mit seiner alpin-urbanen Lage nicht nur als Stadt, sondern explizit als Feriendestination. Die Kombination von leicht zugänglicher Natur und pulsierendem Stadtleben ist laut Karin Seiler „absolut einmalig und ermöglicht den vielleicht facettenreichsten Urlaub im gesamten Alpenraum.“ Außerdem hat Innsbruck konkrete Angebote entwickelt, um die Aufenthaltsdauer der Gäste zu verlängern. „Wir denken über Regionsgrenzen hinaus und können gerade bei geplanten Langzeitaufenthalten so die Attraktivität unserer Destination weiter steigern,“ so Seiler. Positive Auswirkungen der Pandemie auf die Aufenthaltsdauer sieht auch Susanne Stellberg, Marketing Manager von Tourism Tasmania: „Natürlich gibt es Menschen, die, sobald auch Fernreisen wieder möglich sind, sich in das Flugzeug setzen und ganz weit weg fliegen werden wollen.“ Und diese Zielgruppe wird dann anstatt zwei Wochen womöglich sogar zwei Monate bleiben, nachdem viele Menschen in der Pandemie nicht nur Geld, sondern auch Urlaubstage gespart haben. Der Tourismusforscher Professor Schmude bestätigt, dass das Bedürfnis nach Fernreisen weiterhin da ist, „wenn auch zunächst nicht in der Quantität wie vor Corona.“

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  • Trend 5 – Nachhaltigkeit

Der Seefelder Tourismus-Obmann Alois Seyrling sieht einen riesen Trend zum Outdoor- und Natur-Tourismus. Und damit verbunden spielt das Thema Nachhaltigkeit eine wachsende Rolle: „Wir merken, dass die Produkte, die sich um die Natur drehen, viel stärker nachgefragt werden“, so Seyrling. Auch das ferne Tasmanien setzt konsequent auf das Thema Nachhaltigkeit.

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  • Trend 6 – Overtourism

Eine enorme Herausforderung der Zukunft, verstärkt durch Phänomene wie Instagram und Influencer sowie die Corona-Pandemie, ist das Thema Overtourism. Professor Schmude: „Das eine ist der Konflikt zwischen den Touristen und Einheimischen. Dann ist da aber auch der Konflikt zwischen Touristen selbst“ – und meint damit, wenn das touristische Erlebnis unter der Masse an Touristen leidet. Seefeld setzt hier ganz auf das Thema Natur: „Overtourism spielt bei uns keine Rolle“, sagt Alois Seyrling. Aufgrund der Lage Seefelds am Hochplateau mit viel Weite und Natur inklusive dem größten Naturpark Österreichs, dem Naturpark Karwendel, und den vielfältigen Angeboten „gibt es in der Olympiaregion Seefeld ganz wenig Nadelöhr“, so Seyrling. Das Steuern der Touristenströme sei eine Lösung des Problems, so Professor Schmude, etwa durch Digitalisierung.

  • Trend 7 – Digitalisierung

„Digitalisierung muss einen spürbaren Mehrwert für den Gast bringen“, so Markus Wolf, CEO der Weisse Arena Gruppe Laax. „Der Schlüssel ist, die Touristenströme beispielsweise mittels einer App zu lenken“, erklärt Professor Schmude. „Und zwar nicht erst, wenn der Gast am Parkplatz steht, sondern bereits zuhause.“ Das hat Laax über die Inside Laax-App gelöst, über die darüber hinaus auch Tickets oder Essen bestellt und bezahlt werden kann. Baiersbronn hat sich rund um die Nationalparkregion Schwarzwald mit 27 Gemeinden zusammengeschlossen und ein intermodales Routing entwickelt, das unter anderem nicht nur die schnellste Route, sondern auch eine Route mit Unterbrechung anbietet und beispielsweise noch eine kurze Wanderung empfiehlt, wenn im Infozentrum zu errechneten Ankunftszeit viel los ist.