AdUnit Billboard
Medizin

Kliniken schreiben rote Zahlen

Von 
Christoph Link
Lesedauer: 

Stuttgart. Das mit Rettungsschirmen von Bund und Land abgedeckte Coronajahr 2020 ist für die Krankenhäuser in Baden-Württemberg glimpflich verlaufen – es hat jedenfalls nicht zu neuerlichen Defiziten geführt. Das von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) einst gegebene Versprechen, die durch die Verschiebung aller planbaren Eingriffe bedingten wirtschaftlichen Folgen für die Krankenhäuser auszugleichen, sei „unterm Strich“ für 2020 eingehalten worden, sagt Matthias Einwag, Geschäftsführer der Baden-Württembergischen Krankenhausgesellschaft (BWKG), im Gespräch mit unserer Zeitung. Weniger rosig ist die Lage im laufenden Jahr. Zum einen sind einige Häuser durch die dritte Welle im März und April schwer gebeutelt worden, zum anderen spüren die Krankenhäuser auch in der sich entspannenden Lage die verhaltene Nachfrage der Patienten und einweisenden Ärzte.

AdUnit Mobile_Pos2
AdUnit Content_1

Weniger Patienten

Die Erlöse sinken, aber die Rettungsschirme sind löchrig. „Nachfragen bei den Geschäftsführungen unserer Mitglieder ergaben, dass die große Mehrheit ein Ansteigen ihrer chronischen Defizite erwartet, da aktuell mindestens zehn Prozent weniger Patienten kommen als normalerweise“, sagt Einwag. Dabei seien viele der Krankenhäuser im Land schon aus einer „defizitären Lage“ in die Coronazeit gestartet.

Laut dem Krankenhausreport-Rating-Report 2021 war die Insolvenzwahrscheinlichkeit der Krankenhäuser im Südwesten im Jahr 2019 mit 27 Prozent bundesweit am höchsten, 46 Prozent der Kliniken schlossen das letzte noch „normale“ Jahr vor Corona mit einem Defizit ab. Auch das ist ein Rekord, der Bundesdurchschnitt liegt bei 33 Prozent.

Die Pleitegefahr mutet seltsam an, denn eigentlich sind die Krankenhäuser im Südwesten sehr effizient. Hier im Land sind die Krankenhauskosten je Einwohner bundesweit am niedrigsten, auch die Fallzahlen je Einwohner sowie die Bettendichte ist im Bundesvergleich die geringste. Der BWKG-Vorstandschef und Landrat von Heilbronn, Detlef Piepenburg, hat kürzlich auf das Dauerproblem der Kliniken im Südwesten hingewiesen: Sie müssten den Mitarbeitern das hiesige Lohnniveau eines Industrielandes zahlen, das weit höher liege als in anderen Ländern, aber bei der Vergütung durch die Krankenkassen erhielten sie die durchschnittlichen Kostenwerte aus dem gesamten Bundesgebiet erstattet: „Das führt zu hohen Defiziten.“

AdUnit Mobile_Pos3
AdUnit Content_2

Lohnerstattung als Problem

Matthias Einwag weist darauf hin, dass das Pflegepersonal im Südwesten rund 10 000 Euro im Jahr mehr verdiene als beispielsweise in Mecklenburg-Vorpommern. Das müssten die Kliniken bezahlen, erstattet werde ihnen aber in etwa der gleiche Betrag wie an der Ostseeküste. „Die regionalen Unterschiede müssen mehr beachtet werden“, fordert Einwag.

Die Coronakrise verschärft das monetäre Problem. Zwei Krankenhausdirektoren schildern die Lage: „Wir haben jetzt im ersten Halbjahr 20 Prozent weniger Patienten im Vergleich zu 2019, als die Welt noch in Ordnung war“, berichtet Matthias Ziegler, Direktor am Krankenhaus Esslingen (660 Betten). Noch bis Juni habe man Covid-Patienten gehabt, jetzt gar keinen mehr. Aber es falle der Gesellschaft schwer, vom Ausnahmezustand in den „Normalitätsmodus“ zurückzukehren, sagt Ziegler. Die Nachfrage nach den alltäglichen Knie-, Hüfte- und Leistenbruch-Operationen sei verhalten. „Viele Patienten warten ab, bis sie die zweite Impfung haben“, glaubt Ziegler. Der Mindererlös werde in den ersten sechs Monaten bei zwei Millionen Euro liegen.

Ähnlich äußert sich Thomas Schneider, Chef der Ostalb-Kliniken (1000 Betten). Die Belastung der Kliniken in der dritten Welle in diesem Frühjahr sei wesentlich stärker gewesen als im Frühling 2020, man habe bis zu 80 Covid-Patienten gehabt, davon bis zu 25 auf der Intensivstation. Das führte zu einer enormen Personalbelastung und OP-Schließungen. Jetzt sei noch ein einziger Covid-Patient da (auf Intensiv), die finanzielle Last aber bleibt und wird jetzt im Gegensatz zu 2020 nicht voll gedeckt: „Ich rechne mit acht Millionen Euro Mindererlösen im ersten Halbjahr. Das können wir nicht wieder aufholen.“ Eine Landeshilfe für Sachkosten, die für seine Häuser 2020 rund 2,7 Millionen Euro ausmachte, falle jetzt weg.

Finanzielle Hilfen gefordert

Negative Bemerkungen aus Berlin über die Kliniken stoßen bei den Direktoren bitter auf. So hatten Vertreter der Gesetzlichen Kassen 2020 als „Jahr der goldenen Krankenhausfinanzierung“ bezeichnet. Auch hatte Josef Hecken, Vorsitzender des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), die Schließung von 700 der bundesweit 1900 Krankenhäuser angeregt. Auch solle man den Ländern die Planungshoheit für die Kliniken entziehen.

AdUnit Mobile_Pos4
AdUnit Content_3

„Der G-BA in Berlin scheint von der Wirklichkeit in Baden-Württemberg weit entfernt zu sein“, sagt Einwag. Würden Heckens Ideen wahr, müssten 50 bis 60 Kliniken im Land dichtmachen. Es werde übersehen, so Einwag, dass der geforderte Strukturwandel im Südwesten „voll am Laufen ist“. „Wir erwarten, dass die Politik nachsteuert und etwas finanziell dazugibt, wenn sich das Jahr monetär weiter so schlecht entwickelt“, sagt Einwag. Auch ein geplanter Ausgleich, der sich an den Umsatzerlösen von 2019 orientiert, werde nicht alle Ausfälle decken.

AdUnit Footer_1
AdUnit Mobile_Footer_1