Bildung in Zeiten von Corona Heidelberger Bildungsforscherin warnt: Viele Eltern am Limit

Von 
Stefanie Ball
Lesedauer: 
Anne Sliwka ist Professorin am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Heidelberg. © Sliwka

Mannheim. Dass Deutschland die Digitalisierung an den Schulen verschlafen hat, liegt nach Meinung der Heidelberger Bildungsforscherin Anne Sliwka nicht zuletzt daran, dass die Verantwortlichkeiten zwischen Bund, Länder und Kommunen nicht geklärt sind. „Das Hauptproblem ist das Verantwortungskuddelmuddel, was der Organisation unseres Schulsystems geschuldet ist“, sagt Sliwka in einer neuen Folge des Podcast „Leben in Zeiten von Corona“. So sei beispielsweise versäumt worden, IT-Fachkräfte einzustellen, die die Schulen jetzt betreuen könnten. „Die Kommunen haben gesagt, das ist nicht unsere Baustelle, Personal zu finanzieren, wir finanzieren ja schon die Gebäude und die Ausstattung der Gebäude. Und die Bundesländer haben gesagt, wir finanzieren ja schon die Stellen der Lehrkräfte, es ist nicht unsere Aufgabe, jetzt auch noch IT-Kräfte zu finanzieren. So wurde der Schwarze Peter über die Jahre hin- und hergeschoben, und das Ergebnis sehen wir jetzt.“

AdUnit urban-intext1

Zugleich räumt sie ein, dass es auch Lehrer gebe, die sich aus der Verantwortung gezogen haben. „Ich betreibe grundsätzlich kein Lehrerbashing. Es gibt viele Lehrkräfte, die sich mit unglaublicher Energie und einer steilen Lehrkurve alleine, teilweise auch gemeinsam mit anderen der Herausforderung gestellt haben. Es gibt aber eben auch die anderen in der Profession. Die haben sich der Herausforderung nicht gestellt. Dafür tragen sie einen Teil der Verantwortung.“

Überforderten Familien im Fernlernunterricht rät die Bildungsforscherin, fünfe gerade sein zu lassen. Eltern sollten nicht auf Teufel komm raus versuchen, Bildungs- und Lernziele zu erreichen. „Die Eltern stehen so unter Druck, dass ich denke, dass die Beziehungsqualität, also eine gute Beziehung zwischen Eltern und Kindern, das bessere Investment ist.“ Viel wichtiger als Noten sei es, den Schülerinnen und Schülern, sobald die Schulen wieder öffnen, eine differenzierte Rückmeldung zu geben, wo sie stehen, was sie können und was sie noch nicht können. „Ganz wichtig wäre es, gerade jetzt nicht in alten Noten-Logiken zu denken. Das fände ich fatal.“ Ganz viele Eltern seien aktuell am Limit. "Das ist kein normaler Zustand, und wir können von Eltern nicht erwarten, dass sie das auffangen." Mit Blick auf Kinder aus schwierigen familiären Verhältnissen warnt Sliwka vor einer Verschärfung der Situation. „Jeder Unterricht, der nicht stattfindet, wirkt sich negativ aus. Alles, was jetzt an Lernprozessen nicht stattfindet, wirft diese Kinder zurück.“

 

Mehr zum Thema

Corona Heidelberger Bildungsforscherin fordert klare Verantwortlichkeit für Schulschließungen

Veröffentlicht
Von
Stefanie Ball
Mehr erfahren

Podcast "Leben in Zeiten von Corona" Resilienzforscher Klaus Lieb fordert, die Verzweifelten im Auge zu behalten

Veröffentlicht
Von
Stefanie Ball
Mehr erfahren

Podcast "Leben in Zeiten von Corona" Mannheimer Wirtschaftsexperte Heinemann prognostiziert Insolvenzwelle

Veröffentlicht
Von
Stefanie Ball
Mehr erfahren

Podcast "Leben in Zeiten von Corona" Mediziner warnt vor zu früher Öffnung während Corona-Pandemie

Veröffentlicht
Von
Stefanie Ball
Mehr erfahren

Podcast "Leben in Zeiten von Corona" (mit Umfrage) Medizinethiker Wolfram Henn: Die Debatte um Privilegien für Geimpfte ist hochdelikat

Veröffentlicht
Von
Stefanie Ball
Mehr erfahren

Thema : Podcast: Leben in Zeiten von Corona

  • Podcast "Leben in Zeiten von Corona" Mannheimer Abiturient Oskar Weiß über den Abschluss während der Pandemie

    Oskar Weiß steht kurz vor dem Abitur. Doch wegen Corona ist der Weg zum Abschluss derzeit nicht ganz so leicht: Viele Fächer konnen nicht so intensiv behandelt werden, berichet Weiß im Podcast.

    Mehr erfahren
  • Podcast "Leben in Zeiten von Corona" Sport als elementarer Bestandteil des Lebens

    Wann geht es los? Auch Amateursportler bräuchten eine Öffnungsperspektive, sagt der Vizepräsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, Andreas Silbersack im Podcast.

    Mehr erfahren
  • Podcast "Leben in Zeiten von Corona" Mediziner warnt vor zu früher Öffnung während Corona-Pandemie

    Noch immer werden knapp 5000 schwerkranke Covid-19-Patienten in Krankenhäusern behandelt. Aber die Zahlen gehen langsam zurück. Warum Medizin-Professor Marx trotzdem skeptisch ist, erklärt er im Podcast.

    Mehr erfahren

Thema : Coronavirus

  • Pandemie Gärtnereien, Gartenmärkte und Blumenläden dürfen ab 1. März öffnen

    Baden-Württemberg will ab nächsten Monat einige Geschäfte wieder öffnen. Ministerpräsident Winfried Kretschmann kann sich auch vorstellen, dass sich wieder zwei Haushalte privat treffen dürfen.

    Mehr erfahren
  • Baden-Württemberg Erzieher und Lehrerinnen können sich ab sofort impfen lassen

    Es sollte für Kita-Beschäftigte und Lehrer eine frohe Botschaft sein: Baden-Württemberg macht für sie eine Impfung gegen das Coronavirus ab sofort möglich - früher als gedacht. Doch dann ruckelt es am Anfang - mal wieder.

    Mehr erfahren
  • Corona-Maßnahmen im Überblick Die neuen Bund-Länder-Beschlüsse vom 10. Februar

    Bund und Länder sehen in deutlich gesunkenen Ansteckungsraten viel erreicht im Kampf gegen Corona - aber noch keinen Anlass für Entwarnung. Denn neue Mutanten breiten sich aus. Die neuen Beschlüsse im Detail.

    Mehr erfahren