Intensivmedizin "Das wollen wir alle nicht erleben"

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Stefanie Ball
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Mannheim. Herr Prof. Marx, Sie sind Direktor der Klinik für Operative Intensivmedizin am Universitätsklinikum Aachen. Wie sieht aktuell Ihr Alltag aus?

Professor Gernot Marx ist seit Anfang dieses Jahres Präsident der DIVI, der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin. © Fotostudio Vorbildlich
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Gernot Marx: Der ist schon sehr geprägt von der Corona-Pandemie. Aber natürlich nicht nur! Wir behandeln, und das kann man gar nicht überbetonen, auch viele andere kritisch kranke Patienten. Und darum geht es ja vor allem: dass alle Patienten gleich gut versorgt werden.

Ende Dezember war die Lage besonders kritisch, inzwischen sinkt die Zahl der Neuinfektionen, spüren Sie das auf den Intensivstationen?

Marx: Am 3. Januar hatten wir 5745 Intensivpatienten, die schwer an Covid-19 erkrankt waren. Das war der vorläufige Höhepunkt. Die Lage war kritisch, und es gab Regionen in Deutschland, wo die Kapazitäten erschöpft waren und Patienten in andere Kliniken verlegt werden mussten. Inzwischen hat sich das entspannt, trotzdem haben wir immer noch knapp 5000 Corona-Patienten auf den Intensivstationen.

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Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, kurz DIVI genannt, führt in einem Register alle freien Kapazitäten der Krankenhäuser auf. Die Kliniken melden die Daten täglich, und im Schnitt sind rund 10.000 Intensivbetten frei. Das klingt nach viel.

Marx: Das ist die Notfallreserve. Um diese zu aktivieren, müssten sich alle Krankenhäuser komplett auf die Intensivmedizin fokussieren. Das wäre machbar, aber dafür müssten alle anderen Bereiche heruntergefahren werden, viele Operationen und Behandlungen könnten nicht mehr stattfinden.

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Der Lockdown wurde bis Mitte Februar verlängert, reicht das?

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Marx: Offen gestanden, das weiß ich jetzt noch nicht. Wir werden Anfang Februar die Zahlen gemeinsam analysieren, und anschließend wird die Politik ihre Schlüsse ziehen. Ich möchte an dieser Stelle allerdings nicht ausschließen, dass es notwendig sein könnte, den Lockdown nochmals zu verlängern.

Bei vielen Menschen hat eine Pandemie-Müdigkeit eingesetzt - können Sie das nachvollziehen?

Marx: Der Wunsch nach Normalität ist sicherlich bei jedem von uns gegeben. Abgesehen davon leiden viele auch unter existentiellen Nöten. Aber wir müssen einfach erkennen, wenn wir zu früh öffnen, kann das passieren, was wir gerade in Großbritannien und Spanien sehen, wo die Infektionszahlen außergewöhnlich hoch sind. Das wollen wir alle nicht erleben.

Wie hoch ist das Risiko durch die neuen Virusmutationen?

Marx: Sehr hoch! Von B 1.1.7 aus Großbritannien wissen wir, dass sich dadurch mehr Menschen neu infizieren, und wenn sich diese Virusmutation umfangreich durchsetzt, kommen wir sofort wieder in ein exponentielles Wachstum rein. Was dazu führen würde, dass wieder mehr Menschen im Krankenhaus und auf den Intensivstationen behandelt werden müssten. Das ist das Gefährliche an der Mutante: Sie verschlimmert nicht die Covid-19-Verläufe, lässt aber die Infektionszahlen nach oben schnellen.

Wie viele Menschen, die ins Krankenhaus mit Corona eingeliefert werden, überleben die Erkrankung nicht?

Marx: Nach den Zahlen aus der ersten Welle ist jeder fünfte Patient, der im Krankenhaus behandelt werden musste, verstorben. Und von denjenigen, die beatmet wurden, hat mehr als die Hälfte nicht überlebt. Mit anderen Worten: Sars-CoV-2 ist lebensbedrohlich. Im Übrigen nicht nur für Ältere. Von den unter 60-Jährigen, die schwer an Corona erkrankt waren, haben 30 Prozent nicht überlebt. Das ist das Tückische an dem Virus, Alter spielt eine Rolle, es kann aber auch junge Gesunde treffen. Das entwickelt sich manchmal rasend schnell. Wir haben Verläufe gesehen, wo wir innerhalb von Tagen die Menschen nicht mehr retten konnten.

Welche Hoffnungen setzen Sie auf die Impfungen?

Marx: Große Hoffnungen. Und in dem Zusammenhang möchte ich sagen, dass mir das Narrativ der Impfung nicht positiv genug ist. Es mag an der einen oder anderen Stelle noch stolpern, aber insgesamt ist das eine Riesenerfolgsgeschichte, dass wir in weniger als einem Jahr mehrere Impfstoffe erforscht haben und uns jetzt die ersten zur Verfügung stehen. Noch im Herbst dachten wir, vielleicht klappt es ja zu Mitte dieses Jahres, und dann konnten wir schon Ende 2020 mit den ersten Impfungen beginnen.

Trotzdem sind viele Menschen skeptisch. Auch und gerade unter den Pflegekräften ist die Bereitschaft, sich impfen zu lassen, nicht besonders hoch. Woran liegt das?

Marx: In der Tat lag laut einer Umfrage im Dezember die Impfbereitschaft unter den Pflegekräften bei nur fünfzig Prozent. Damals war die Unsicherheit noch groß, es gab viele offene Fragen. Inzwischen wurden Diskussionen geführt und Aufklärungsarbeit geleistet, was zum Beispiel in meiner eigenen Klinik dazu geführt hat, dass sich mehr als achtzig Prozent der Pflegekräfte impfen lassen wollen. Bei den Ärzten sind es sogar über neunzig Prozent. Ich hoffe, dass dasselbe für alle Bürgerinnen und Bürger in Deutschland gilt. Denn das ist notwendig, um eine Immunität von sechzig Prozent der Bevölkerung zu erreichen. Nur dann können wir uns wieder einigermaßen sicher fühlen.

Sollte es Sonderrechte für diejenige geben, die schon geimpft sind?

Marx: Das lässt sich schon aus medizinischen Gründen nicht machen, weil wir gar nicht wissen, ob wir steril immun sind. Steril immun heißt, ich bin geimpft und kann deswegen das Virus, das ich vielleicht einatme, nicht mehr weitergeben. Bei der Grippe ist das so. Wenn ich mich gegen Influenza impfen lasse, stecke ich keinen anderen mehr an. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass dies auch für die Corona-Impfung gilt, wissenschaftliche Belege dafür fehlen aber noch. Unabhängig davon halte ich aber auch nichts von Privilegien. Die nächsten Monate werden noch schwierig werden, und wir müssen das gemeinsam solidarisch durchstehen.

 

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