Podcast "Leben in Zeiten von Corona" Bedrohung durch seltene Tropenerkrankungen

Von 
Stefanie Ball
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Hamburg. Herr Prof. May, ein Jahr ist es her, dass ein Virus begann, die Welt zu beschäftigen. Hat Sie die Pandemie überrascht?

Professor Jürgen May leitet seit 2017 die Abteilung Infektionsepidemiologie am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM). © BNITM
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Jürgen May: Eigentlich nicht. Experten haben immer wieder vor einer Pandemie gewarnt. Allerdings konnte niemand voraussagen, wann das passieren würde, und so ist es nicht verwunderlich, dass wir insgesamt als Gesellschaft nicht ausreichend auf diese Situation vorbereitet waren. Vorbereitungen wären ja mit großen Investitionen verbunden gewesen und das für ein Ereignis, von dem man nicht weiß, ob es im nächsten Jahr oder erst in zwanzig Jahren passieren wird.

Gab es denn keine Vorboten?

May: Doch, die gab es. Wir hatten Warnsignale. Zum Beispiel 2002 die erste Sars-Epidemie, bei der wir aber das Glück hatten, dass nur Patienten mit Symptomen infektiös waren. So ließen sich die Infizierten schnell ausfindig machen und Grenzübertritte zum Beispiel an Flughäfen mit Hilfe von Wärmebildkameras verhindern. Dann hatten wir 2009 den Ausbruch der mexikanischen Grippe oder Schweinegrippe, die uns vor Augen geführt hat, wie schnell sich eine solche Epidemie über die ganze Welt ausbreiten kann. Danach kam der Ebola-Ausbruch 2014 in Westafrika, der gezeigt hat, dass eine so gefährliche Krankheit plötzlich in Gegenden auftreten kann, wo es sie vorher nicht gab.

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Trotzdem schien – außer Bill Gates – niemand die Befürchtung zu haben, dass es einmal eine schlimme Pandemie wie jetzt geben würde?

May: Noch vor dem Ebola-Ausbruch gab es eine Umfrage unter Führungskräften von Versicherungsgesellschaften, was aus ihrer Sicht das größte Risiko für die Branche sei. Am häufigsten wurde das Risiko einer Pandemie genannt. Noch vor einer Währungskrise.

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Hatte man mit dieser Art von Virus, einem Coronavirus, gerechnet?

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May: Ich persönlich habe das größte Risiko immer in einer Influenza-Epidemie gesehen mit einer Virusvariante, die leichter übertragbar ist als gegenwärtige Grippeviren und schwere Symptome verursacht.

Das Coronavirus ist vermutlich von einem Wildtier auf einen Menschen übergesprungen. Welche Rolle spielt der Mensch bei der Verbreitung von Infektionskrankheiten?

May: Bei den sogenannten „Emerging Infectious Diseases“, also neu auftretenden Infektionskrankheiten, den Zoonosen, bei denen ein Virus den Sprung von einem Tier auf einen Menschen schafft, spielt am Anfang eines solchen Übergangs natürlich die große Nähe zwischen Tieren und Menschen eine Rolle. Das ist überall dort der Fall, wo Menschen in die Natur vordringen, zum Beispiel bei Waldrodungen, Bewässerungsprojekten, Urbanisierungsvorhaben und eben der Jagd auf Wildtiere, die dann später auf Märkten verkauft werden.

Sind wir also selbst schuld?

May: Natürlich ist das moderne Leben für die schnellere Verbreitung von Infektionskrankheiten mitverantwortlich. Flugverbindungen ermöglichen eine permanente Verbreitung von Erregern innerhalb kürzester Zeit über die gesamte Welt. Bevor eine Erkrankung überhaupt symptomatisch wird, ist die oder der Erkrankte längst aus dem Flugzeug gestiegen. Migration und Mobilität sind also wichtige Faktoren, und natürlich die Überbevölkerung in manchen Regionen, wo Menschen auf engem Raum zusammenleben und Krankheiten schnell übertragen werden. Ein kleiner Brandherd wie im chinesischen Wuhan kann sich so an viele Stellen auf der Welt verbreiten, und bemerkt oder unbemerkt entstehen an diesen Stellen weitere kleine Brandherde, die sich dann zu einem großen Brandherd entwickeln.

Ressourcen und Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit sind seit vielen Monaten auf das Coronavirus gerichtet. Was bedeutet das für die Bekämpfung anderer Krankheiten, die Menschen vor allem in ärmeren Ländern bedrohen?

May: Die Weltgesundheitsorganisation geht davon aus, dass die Anzahl der Malaria-Erkrankungen sowie anderer Tropenkrankheiten deutlich ansteigen wird, vor allem in Sub-Sahara-Afrika. Durch die Lockdowns, die es trotz vergleichsweise niedriger Corona-Infektionszahlen auch dort gibt, sowie die damit einhergehenden Lieferengpässe werden die ohnehin fragilen Gesundheitssysteme stark in Mitleidenschaft gezogen. Viele Angebote können außerdem nicht so stattfinden, wie es eigentlich nötig wäre, Mutter-Kind-Programme, Geburtskliniken, HIV-Ambulanzen. Auch Impfprogramme wurden ausgesetzt, etwa gegen Masern. Jedes Jahr sterben deutlich über 100.000 Kinder an Masern, obwohl es eine hochwirksame Impfung dagegen gibt. Auch diese Zahl wird steigen.

Das heißt, die Kollateralschäden durch die Eindämmungsmaßnahmen werden in vielen Ländern Afrikas größer sein als die Folgen der Pandemie selbst?

May: Das Ganze ist ein schwieriger Balanceakt. Wenn die Weltgesundheitsorganisation ihre Programme jetzt wieder normal starten würde, besteht die Gefahr, dass sich mehr Menschen mit dem Coronavirus infizieren. Beim Impfen beispielsweise kommen immer viele Menschen zusammen. Auf der anderen Seite gibt es das eben geschilderte Problem, dass andere Bedrohungen aus dem Blick geraten. Die WHO sieht den Kampf gegen viele Tropenerkrankungen um ein bis zwei Jahre zurückgeworfen, und das wird Opfer fordern.

Anders als Malaria, Tuberkulose und HIV sind manche dieser Erkrankungen kaum bekannt. Geraten die jetzt völlig in Vergessenheit?

May: Zu diesen sogenannten vernachlässigten Tropenkrankheiten, den „Neglected Tropical Diseases“, NTDs, zählen zwanzig Erkrankungen, Krätze, Wurmerkrankungen, Lepra, Vergiftungen durch Schlangenbisse. 1,7 Milliarden Menschen sind weltweit davon betroffen, sie führen zu Behinderung, Diskriminierung, Bildungsproblemen, Arbeitslosigkeit und sind ein großer Faktor im Teufelskreis zwischen Krankheit und Armut. Bis 2030 sollen zwei dieser zwanzig Erkrankungen vollständig ausgerottet werden, und die Anzahl der Menschen, die wegen einer NTD behandelt werden müssen, soll um neunzig Prozent sinken. Das Ziel ist ambitioniert, könnte aber machbar sein. Vorausgesetzt es stehen genügend Ressourcen und Gelder zur Verfügung. Durch die Covid-19-Pandemie wird es aber sicherlich deutliche Rückschläge geben in diesem ohnehin schwierigen Unterfangen.

Welches Interesse sollten wir daran haben, dass auch solche seltenen Erkrankungen bekämpft werden?

May: Globale Gesundheit ist ein Thema, das auch uns bewegen muss. Nicht nur aus humanitären Gründen, sondern aus Selbstschutzgründen. Die Corona-Pandemie hat ja gezeigt, wie schnell sich Erkrankungen verbreiten können. Vor dem Ebola-Ausbruch gab es in Liberia 52 ausgebildete Ärzte. Das ist für ein Land mit fünf Millionen Menschen und für eine Bekämpfung einer gefährlichen Erkrankung natürlich viel zu wenig. Und wenn Krankheiten dort nicht eingedämmt werden, können sie vielleicht auch zu uns kommen.

Haben wir aus der Coronakrise etwas gelernt, werden wir bei der nächsten Pandemie besser vorbereitet sein?

May: Bill Gates hat vor einigen Tagen gesagt, dass wir auch auf die nächste Pandemie nicht besser vorbereitet sein werden. Ich sehe das nicht ganz so negativ. Natürlich haben wir einiges aus diesem Ausbruch gelernt und sollten bald auch schlagkräftigere Pandemie-Pläne in der Schublade haben. Es wird aber weiter eine Herausforderung sein, die beste Balance zwischen dem infektions-epidemiologischen Schutz und den zumutbaren Einschränkungen für die Gesellschaft zu erreichen. Das ist ja das Kernthema: Wie bringen wir möglichst viel Gesundheit mit den gesellschaftlichen Anforderungen zusammen?

Gibt es dafür eine Lösung?

May: Wir müssen in der Zukunft weiter an diesen Erregern und Krankheiten forschen. Wir müssen Humanmedizin, Tiermedizin und Umweltmedizin besser zusammenbringen. Wir müssen Medikamente, Diagnostika und im besten Fall Impfstoffe entwickeln, die ganz schnell auf neue Erreger angepasst werden können. Wir müssen auch an den Erkrankungen forschen, die uns jetzt noch fern scheinen, wir müssen also einen Blick in weniger privilegierte Regionen dieser Welt werfen. Aber eins ist sicher: Die nächste Pandemie kommt bestimmt, leider wissen wir wieder nicht, wann das dann sein wird.